Das Harnack-Haus im Nationalsozialismus

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war rasch auch im Wissenschaftsbetrieb spürbar, deren Teil das Harnack-Haus war. Als Ort der politischen Kommunikation der Führungsspitze der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft spielte das Harnack-Haus in der NS-Zeit eine wichtige Rolle. Am Hotelbetrieb änderte sich jedoch wenig. Das Haus blieb ein internationaler Treffpunkt. Es stand nun allerdings im Zeichen der Außenpolitik und Rassenideologie des „Dritten Reichs“. Neben der offiziellen Einladungspolitik lebte der liberale Gründergeist Harnacks jedoch in privaten Veranstaltungen weiter.

Max Planck am Rednerpult im Goethe-Saal bei der 25-Jahr-Feier der KWG, 1936.

Mit Erlass der neuen antisemitischen Gesetze wurden die meisten jüdischen oder jüdischstämmigen Forscher ab 1933 aus den Dahlemer Instituten vertrieben. Damit verschwand ein wichtiger Teil der regelmäßigen Gäste des Harnack-Hauses. Nur wer, wie Lise Meitner, einen ausländischen Pass besaß, durfte vorerst bleiben und war auch im Harnack-Haus willkommen. Auch ausländische Forscher, darunter emigrierte ehemalige Kollegen, waren Gäste. Dazu gehörte der Biologe Victor Jollos, der bis zu seiner Emigration am Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie in Dahlem gearbeitet hatte.

Die offizielle Einladungspolitik der KWG im Harnack-Haus war jedoch zunehmend regimetreu. Die KWG bemühte sich schon ab 1933 um gute politische Kontakte zur neuen Führung. Obwohl Max Planck den Nationalsozialisten skeptisch gegenüberstand, machte er als Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) viele Kompromisse. Nach seinem Ausscheiden 1937 führte auch die KWG das Führerprinzip ein. 

Dementsprechend war auch das Harnack-Haus als Clubhaus ein wichtiger Ort, politische und gesellschaftliche Netzwerke zu den neuen Machthabern zu pflegen. Auf Einladung von Herzog Eduard von Coburg, den die KWG wegen seiner guten Kontakte zur NS-Führung 1933 in ihren Senat berufen hatte, besuchten hochrangige Nationalsozialisten das Harnack-Haus als Dinnergäste, darunter Heinrich Himmler und Adolf Hitler. Auch bei den externen Veranstaltern traten NS-Organisationen zunehmend neben die langjährig etablierten wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen, die Räume im Harnack-Haus mieteten.

Jenseits der offiziellen Einladungspolitik lebte auch in der NS-Zeit der von Internationalität und Toleranz geprägte Gründungsgeist des Hauses subversiv weiter. Nach Harnacks Tod 1930 war das ihm zu Ehren benannte Haus für viele seiner Familienangehörigen ein wichtiger Ort, den sie für private Veranstaltungen nutzten. Dadurch kamen Demokraten wie Theodor Heuss und seine Frau Elly Heuss-Knapp ebenso ins Harnack-Haus wie Adolf von Harnacks Neffe Arvid und seine amerikanische Frau Mildred Fish-Harnack. Das Paar wurde 1942, bzw. 1943, als Staatsfeinde hingerichtet. Als Beispiel für einen symbolischen Akt geistigen Widerstands kann auch die Gedenkfeier für Fritz Haber von 1935 gelten. Haber war einer der wichtigsten Dahlemer Institutsdirektoren und war 1934 in der Emigration verstorben nachdem er Deutschland aus antisemitischen Gründen verlassen hatte.

1943 wurden die Vortragsreihen und der internationale Hotelbetrieb wegen der Kriegslage eingestellt. Übernachtungsgäste waren nur noch Mitarbeiter der auswärtigen oder wegen des Krieges aus Berlin verlagerten Kaiser-Wilhelm-Institute sowie besondere Kontaktpersonen. Mitunter wohnten auch ausgebombte Mitarbeiter, deren Freunde und Familienangehörige im Harnack-Haus.

Der Einmarsch der Roten Armee im Berliner Süden im April 1945 beendete die Geschichte des wissenschaftlichen Clubhauses der KWG.

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