Wissenschaft im Hörsaal

Der Hörsaal ist als akademischer Veranstaltungsort das Herz des Harnack-Hauses und heute nach Otto Hahn benannt. Der Entdecker der Kernspaltung und erste Präsident der Max-Planck-Gesellschaft trug unter anderen Nobelpreisträgern in den 1930er-Jahren hier vor und besuchte das Haus auch sonst häufig. Im unteren Foyer erinnern Fotos und eine Tafel mit Vortragstiteln aus Vergangenheit und Gegenwart an die akademische Nutzung des Hörsaals.

Hörsaal 1929

Im Hörsaal war zwischen 1929 und 1945 das Herzstück des akademischen Betriebs im Harnack-Haus. 20 Nobelpreisträger trugen nachweislich hier vor. Atomphysik, Vererbungsforschung, Biochemie und Molekularbiologie, aber auch Geschichte, Kunstgeschichte und Rechtswissenschaften waren Themen. Unter den Rednern waren viele ausländische Forscher und die meisten Dahlemer Nobelpreisträger der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft: Otto Warburg, Fritz Haber, Werner Heisenberg und Max von Laue. Viele forschten ab 1948 weiter in der Max-Planck-Gesellschaft. Max Planck sprach nicht nur über Physik, sondern machte als Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in der NS-Zeit auch kritische Anmerkungen gegen das Regime.

Im Hörsaal sprachen aber auch Wissenschaftler, die Mitschuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus trugen. Eugen Fischer, Fritz Lenz und Otmar von Verschuer vom benachbarten Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik legitimierten die Rasseideologie der Nazis wissenschaftlich. Eugen Fischer unterstellte sein Institut 1933 den politischen Zielen der Regierung Hitlers. Sein Schüler Otmar Freiherr von Verschuer folgte Fischer 1942 als Direktor nach und bezog für das Institut Blut- und Gewebeproben aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Verschuers ehemaliger Doktorand Joseph Mengele führte als Lagerarzt unzählige Menschenversuche durch, von denen einige in direktem Zusammenhang mit den Forschungsinteressen Verschuers und seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter standen. 

Nach der Übernahme des Harnack-Hauses durch die US-Armee wurde der Hörsaal zur Tanzbar umgebaut. Mit der Sanierung 2014 rekonstruierte die Max-Planck-Gesellschaft ihn im Bewusstsein wissenschaftlicher Ethik als akademischen Ort. Mit der Harnack-Lecture findet seitdem eine jährliche Ehrenvorlesung mit hochkarätigen Forscherinnen und Forschern aus aller Welt statt.

Otto Hahn und Lise Meitner

Lise Meitner und Otto Hahn 1959.

Der Hörsaal im Harnack-Haus ist heute nach Otto Hahn (1879-1968) benannt, der daneben liegende Saal nach seiner Forschungspartnerin Lise Meitner (1878-1968). Die Bilderinstallation im Foyer zwischen beiden Sälen informiert über das Leben beider als Pioniere der Atomphysik und Radiochemie. Ihre gemeinsamen Arbeiten mündeten 1938 in die Entdeckung der Kernspaltung in Dahlem durch Otto Hahn und Fritz Straßmann. Lise Meitner befand sich zu dieser Zeit bereits im schwedischen Exil.

Meitner und Hahn forschte seit 1913 am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie. Hahn leitete die Abteilung für Radiochemie und wurde 1922 Direktor des Instituts. Meitner leitete von 1918 bis zu ihrer Emigration 1938 die radiophysikalische Abteilung. Beide waren regelmäßige Gäste im nahe gelegenen Harnack-Haus. Hahn erhielt 1944 den Nobelpreis, konnte ihn jedoch erst 1946 entgegennehmen.

Otto Hahn spielt für die Max-Planck-Gesellschaft als ihr erster Präsident eine besondere Rolle. Aus seiner Entdeckung der Kernspaltung, 1938 am Dahlemer Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, leitete er für sich selbst einen politisch-gesellschaftlichen Auftrag ab. Immer wieder erinnerte er daran, dass Wissenschaft dem Wohl der Menschen dienen muss. Er selbst engagierte sich gegen Atomwaffen und mahnte die Politiker seiner Zeit zu einem verantwortlichen Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die beiden Lichtinstallationen am Eingang des Hörsaals erinnern an Hahns Vermächtnis.

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