1929 - 1945

Wissenschaft im Hörsaal

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Hörsaal 1929

Der Hörsaal im Harnack-Haus war ein Ort akademischer, aber auch kultureller Veranstaltungen. Hier fanden regelmäßig Vorträge statt, für die Redner aus den Kaiser-Wilhelm-Instituten aber auch aus ausländische Gäste eingeladen wurden. Hin und wieder trugen auch Redner aus der Industrie oder prominente Künstler vor. Ab 1929 bot die KWG öffentliche Wintervorträge an, die sich auch an interessierte Laien richteten.

Das Vortragsprogramm spiegelte die Wissenschaft ihrer Zeit: moderne Atomphysik, Vererbungsforschung, Biochemie und Molekularbiologie, aber auch Geschichte, Kunstgeschichte und Rechtswissenschaften. Fritz Habers Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie veranstaltete ab 1929 regelmäßig seine Institutskolloquien im Hörsaal, zu denen deutsche und internationale Experten eingeladen wurden. Gleiches galt für die Medizinisch-Biologischen Abende, die als Fachkolloquium unter Regie von Otto Heinrich Warburg hohes Renommee besaßen. 

Neben der KWG nutzten andere akademische Gesellschaften den Hörsaal, oft allerdings vermittelt durch Mitglieder der KWG. Der amerikanische Nobelpreisträger Robert Andrews Millikan kam 1930 auf Einladung Max von Laues im Namen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, Gabriel Bertrand von der Französischen Chemischen Gesellschaft kam 1930 auf Einladung Fritz Habers als Gast der Deutschen Chemischen Gesellschaft.

Nachweislich haben zwischen 1929 und 1941 20 Nobelpreisträger im Hörsaal vorgetragen. Darunter sind Irving Langmuir aus den USA, Hans von Euler-Chelpin aus Schweden und die meisten Nobelpreisträger der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, darunter Otto Warburg und Peter Debye. Max Planck sprach nicht nur als Physiker, sondern reflektierte als Präsident der KWG auch grundlegende Probleme des Erkenntnisgewinns und scheute sich nicht, kritische Anmerkungen gegen eine ideologieverblendete Forschung einzuflechten. Bekannt ist sein Vortrag „Die Physik im Kampfe um die Weltanschauung“ von 1935.

Nicht wenige dieser Nobelpreisträger setzten in der Max-Planck-Gesellschaft ab 1948 ihre Arbeit fort, darunter Walther Bothe und Max von Laue, Richard Kuhn und Werner Heisenberg.

Die Vortragsprogramme der KWG umfassten ab 1933 mehr und mehr Titel, die ins ideologische Programm des „Dritten Reichs“ passten. Besonders häufig trugen Eugen Fischer und Fritz Lenz vom unmittelbar benachbarten Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik vor (in dessen Gebäude befindet sich heute das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität). Das KWI für Anthropologie war 1927 gegründet worden und gehörte zu den wichtigsten Einrichtungen seiner Art weltweit, denn die Vererbungslehre stand im Fokus internationaler Forschungsarbeiten. Doch schon kurz nach Hitlers Machtergreifung unterstellte sein Direktor Eugen Fischer das Institut den politischen Zielen der neuen NS-Regierung. Fischer schrieb an dem NS-Gesetz „zur Verhütung erbranken Nachwuchs“ mit, schulte Richter und Ärzte und legitimierte die Rasseideologie der Nationalsozialisten.

Auch Fischers Schüler Otmar Freiherr von Verschuer, der ihm ab 1942 als Direktor nachfolgte, war besonders oft im Harnack-Haus und hielt zahlreiche Vorträge im  Hörsaal. Unter Verschuers Leitung bezog das Institut Blut- und Gewebeproben sowie andere menschliche Präparate aus dem Konzentrationslager Auschwitz, wo Verschuers ehemaliger Doktorand Josef Mengele als Lagerarzt tätig war. Dieser führte unzählige Menschenversuche durch, von denen einige in direktem Zusammenhang mit den Forschungsinteressen Verschuers und seiner Mitarbeiter standen, allen voran mit der Zwillingsforschung. 

Nach der Übernahme des Harnack-Hauses durch die US-Armee wurde der Hörsaal zur Tanzbar umgebaut. Mit der Sanierung 2014 stellte die Max-Planck-Gesellschaft im Bewusstsein wissenschaftlicher Ethik den Hörsaal als akademischen Ort wieder her. sk

 
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